Wenn Afghanen jodeln

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In Feldkirch singen Christen und Muslime gemeinsam – auch in der Kirche.

Singen kann man erst, wenn alle da sind. Wenn dauernd die Tür auf- und zugeht, dann wird das nichts mit dem Gesang. Also setzte Ulrich Gabriel, ein Musiker und pensionierter Lehrer, auf ein bewährtes Rezept: Zuckerbrot und Peitsche.

 

„Ich wollte wissen, wie diese Leute sind.“

Wer beim „Kontaktchor“, einem gemeinsamen Chor von Flüchtlingen und Vorarlbergern, mitmacht, bekommt einen eigenen Ausweis. „Die sammeln wir vor der Probe ein und am Ende der Probe bekommt jeder einen Stempel hinein.“ Für 20 Stempel gibt es eine Urkunde. Und die kann man dann auch der Asylbehörde zeigen, als Zeichen dafür, dass man sich bemüht, sich ins Land zu integrieren. „Stempel kriegt aber nur, wer nicht zu spät kommt“, sagt Gabriel. Dabei ist das heute gar nicht mehr nötig. Nach drei Jahren kommen alle ganz pünktlich und brav.

Sein persönlicher Antrieb sei die Neugier gewesen, sagt Gabriel. „Ich wollte wissen, wie diese Leute sind.“ Also marschierte er mit seinem Akkordeon einfach in eine Flüchtlingsunterkunft, setzte sich dort in die Küche und begann, auf seinem Instrument zu spielen. So wurde der Kontaktchor geboren. Seit Juni 2015 wird in Feldkirch gemeinsam gesungen, gejodelt, gestampft und geklatscht. Jeden Donnerstag ist Probe, jeden ersten Montag im Monat gibt es eine öffentliche Probe. Gesungen wird nur auf Deutsch, schließlich sollen die Flüchtlinge die Sprache lernen, und das ist in Vorarlberg ohnehin schwer genug.

Der Musiker hat extra Liedtexte verfasst, mit denen die Geflüchteten die Wochentage lernen oder Verben leichter konjungieren können. Und er hat bekannte Melodien auf Deutsch umgedichtet. John Lennons Antikriegslied „Give Peace a Chance“ klingt dann zum Beispiel so: „Alle Leute reden von Welthandel, Geldhandel, Goldhandel, Weinstandel, Ölhandel, Waffenhandel, Klimawandel, Kasermandel, Hosenbandel: All we are saying is give peace a chance, alles, was wir sagen, ist, gib dem Frieden eine Chance!

„Es braucht einen Umgang auf Augenhöhe.“

Speziell den afghanischen Mitsängern gefallen die Jodler. Der „Andachtsjodler“ zum Beispiel, der sei besonders beliebt oder „besonders gut eignen sich auch Schlager wie ,Weine nicht, wenn der Regen fällt‘“, erzählt der Chorleiter. „Da geht es um Liebe, Schmerz, Sehnsucht und Verlassenwerden, da können alle gut mit.“

Momentan studieren die Chorsänger „Lady in Black“ ein, eine Schnulze von Uriah Heep, deren tieferer Sinn den meisten Menschen verborgen geblieben sei, meint Gabriel: „Da wissen nur die Wenigsten, dass das ein Antikriegslied ist“.

Die Liedtexte werden in großen Lettern auf Dreieckständer geschrieben, damit alle mitsingen können. Mehr als 250 Flüchtlinge haben hier schon gesungen, einige haben mittlerweile Asyl und sich in ein anderes Bundesland verabschiedet. Derzeit sind es ungefähr 30 Männer aus Afghanistan, Syrien, dem Irak und anderen Ländern, die jeden Donnerstag mit Einheimischen trällern. „Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass auch Frauen im Chor sind, denn es waren ja nur junge Männer zwischen 16 und 40 Jahren in den Flüchtlingsheimen“, sagt Gabriel. Die Frauen, die hier mitsingen, seien meist etwas älter, „und manche von ihnen hatten anfangs Angst, weil so viele Männer gekommen sind. Aber durch das gemeinsame Singen sind Freundschaften entstanden und die heimischen Leute konnten ihre Ängste abbauen.“

Natürlich haben die Vorarlberger Singkollegen den neu Angekommenen zu Beginn auch geholfen, bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen oder beim Deutschlernen. In den Chorpausen wurden Kärtchen mit deutschen Wörtern und Bildern verteilt, die Deutschsprachigen und die Asylwerber bildeten Paare und wer nach der Pause die meisten neuen Wörter konnte, bekam einen kleinen Preis.

„Für uns war aber von Anfang an klar, dass wir nicht die Babysitter der Flüchtlinge sein dürfen“, sagt Gabriel. „Es braucht einen Umgang auf Augenhöhe.“

Deshalb gibt es klare Regeln und wer sich an diese nicht hält, der fliegt. Passiert sei das aber nur ein einziges Mal, „und das war einfach ein Störenfried, total überheblich und hat schon ,Pause!‘ geschrien, bevor wir noch zu Singen begonnen haben“.

Mittlerweile hat der kleine Chor an die 50 Lieder im Repertoire und tritt auch bei Veranstaltungen auf. „Wir singen zum Beispiel am Adventmarkt Weihnachtslieder oder sind auch schon in der katholischen Messe in Hittisau aufgetreten“, erzählt der Chorleiter. „Das gefällt mir dann ganz besonders, wenn Moslems für Christen singen.“

 

Bericht: Nina Horaczek

Fotos: Kontaktchor Feldkirch