Doraja Eberle – Unser Tun ist Ermutigung.

Ein Mensch kann viel verändern, wenn er "Ja" sagt, ohne die Konsequenzen zu kennen.

Die Einladung an mich hat folgendermaßen gelautet: Bitte ermutige alle, die kommen. Wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich heute hergekommen, um ein bisschen Mut von euch zu bekommen, weil manchmal auch meine Batterie leer ist. Das hat nicht nur mit meinem Alter zu tun, sondern auch mit der politischen Wetterlage. Und da tut es sehr gut, gemeinsam mit Gleichgesinnten, wieder ein bisschen Kraft zu sammeln.

Ich möchte mich vorstellen, denn ich bin nicht nur eine der Vorstandsmitglieder von „Österreich hilfsbereit“ (Trägerverein der Allianz „Menschen.Würde.Österreich“), sondern ich bin Doraja Eberle aus Salzburg, bin das dritte von zehn Kindern und bin angeblich mit einem Schild in der Hand geboren auf dem stand „Ich bin dafür, dass wir dagegen sind“. Das geht jetzt schon seit 64 Jahren so, und wenn man neun Geschwister hat, dann wächst man schon schlicht und einfach anders auf. Dann lernt man das Teilen, dann lernt man zurückzustecken, dann lernt man auch sozialen Einsatz oder Engagement und dafür bin ich meinen Eltern unendlich dankbar.

Ich bin Sozialarbeiterin geworden, obwohl ich nicht wollte, sondern meine Mutter wollte das. Sie hat gesagt „Das ist gut für dich“. Im Nachhinein bin ich ihr dankbar, dass sie mich gut gekannt hat und ich habe daraufhin 17 Jahre in Salzburg im Land gearbeitet, für schwer erziehbare Jugendliche, so wie es damals hieß. Heute heißt das einfach junge Menschen in Not.

Als 1992 der Bosnienkrieg begonnen hat, habe ich meine eigene Organisation – Bauern helfen Bauern – gegründet. Warum erzähle ich das? Weil ich euch Mut geben will, dass ein Mensch, ohne die Konsequenzen zu wissen, unendlich viel verändern kann, wenn er „Ja“ zu etwas sagt. Ich habe mich damals ins Auto gesetzt, bin an die Front gefahren und aus diesem einen Besuch ist eine große Organisation entstanden.

Als ich unten an der Front war, hat der Großteil der Menschen, die geflüchtet sind, gesagt „Wir wollen zuhause bleiben, wir wollen ein Dach über dem Kopf“ und ich bin ein praktizierender Christ auf einem holprigen Glaubensweg und glaube, dass mein Regisseur nicht nur ich selber bin, sondern manchmal auch ein anderer. Und als ich von der Front zurückgekommen bin, habe ich Fernsehen geschaut, was ich sonst fast nie tue. Und im Fernsehen lief Thomas Gottschalk mit „Wetten Dass…“ und eine Wette hieß „Glaubt ihr, dass 100 Menschen in 100 Stunden 100 Häuser bauen können?“. Ich habe daraufhin in der Redaktion angerufen und gefragt, ob einer dieser 100 Häuselbauer in Salzburg lebt. Ja, so war es. Ich bin dann gleich zu ihm gefahren und habe ihn gefragt „Können Sie mir lernen ein Haus zu bauen?“. „Ja!“ hat er gesagt, „bei ihnen im Garten oder bei mir?“ Und am Heiligen Abend 1992 bin ich mit dem ersten Haus an die Front gefahren und bis heute haben wir 1.261 Häuser gebaut und haben 11.000 Menschen nach Hause gebracht.

Ich möchte im Leben immer für etwas sein und nicht dagegen.

Ich habe mir vor vielen Jahren den Vorsatz gemacht, dass ich im Leben immer für etwas sein möchte und nicht dagegen. Wisst ihr wie schwer das ist? Unser Wording ist so schlecht und so negativ und wir schimpfen über die anderen und dann denke ich mir: WIR können diese Revolution der Menschlichkeit auf die Beine stellen, WIR sind diejenigen die die Gesellschaft verändern, WIR sind diejenigen die auf die Knie gehen und den, der empfängt, aufrecht stehen lassen – WIR sind das. Anstatt über andere zu schimpfen, lassen wir die anderen gegen etwas sein, aber versuchen wir alle für etwas zu sein. Und das baut mich so auf und das ist dieser Mut, den ich mitgeben möchte, weil ich ihn selber so oft erlebt hab.

Ich bin dann vom jetzigen Landeshauptmann Wilfried Haslauer gefragt worden, ob ich mit ihm in die Politik gehe – aus heiterstem Himmel. Er wollte, dass ich sie menschlicher, fröhlicher und weiblicher mache und ich kann euch sagen, ich habe „Ja“ gesagt. Ich war sieben Jahre in der Salzburger Landesregierung als Landesrätin – die größte Herausforderung war für mich menschlich, fröhlich und weiblich zu bleiben. Das vergeht einem unheimlich schnell. Aber das vergeht auch uns hier, wenn wir weiter diesen Ton an den Tag legen und auf andere schimpfen. Achten wir auf uns selber, denn wenn wir mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, dann können wir die Welt verändern, und an das glaube ich.

Der einzige Grund, warum ich sieben Jahre Politik völlig unbeschadet – außer, dass ich ein bisschen älter geworden bin – überlebt habe, ist meine Organisation „Bauern helfen Bauern“. Alles, was man braucht um in der Politik zu überleben, habe ich dort gelernt: Visionen zu haben, ein Team zu führen, solidarisch zu sein, demütig zu sein, Krisenmanagement, mit Geldern umzugehen, die einem nicht gehören. All das habe ich 1:1 in der Politik umsetzen können und dafür bin ich unendlich dankbar. Dass ich nicht wissend, einmal in die Politik zu gehen, diese Lehrjahre vorher schon hatte.

Dann sind die ersten Zelte in der Alpenstraße aufgebaut worden und ich habe meinem Mann gesagt: „Ich geh‘ nur mal ganz kurz nachschauen“. Und er hat gesagt: „Dein Nachschauen hatte immer Konsequenzen, seit 40 Jahren, auf Wiedersehen.“ So war es auch und bin froh darüber. Wir haben dort in diesen ersten Tagen viel auf die Beine gestellt und ich werde euch sagen, was einer der kleinen Gründe war, warum ich dabei geblieben bin: Die Zelte sind aufgestellt worden und ich habe bemerkt, dass es da keine Nachttische gab, einfach nur Betten und Matratzen, keine Leintücher und nichts was du absperren kannst. Nichts Persönliches. Und dann bin ich zu Mirabell gerast, habe Mozartkugeln gekauft und habe auf jedes Bett Mozartkugeln gelegt. Und der erste, der eine Mozartkugel in die Hand genommen hat, hat gesagt: „Is this the city of Mozart? Is this Salzburg?“ Und dann habe ich mir gedacht: „Mein Gott, der weiß was Salzburg ist, der weiß was Mozart ist und den muss ich jetzt hier in dieses Zelt in dieses Bett hineinlegen.“ Das war einer der Dinge, warum ich geblieben bin, und ganz ganz ganz viele kleine Beispiele an großen Menschen haben mir den Mut gegeben immer wieder weiterzumachen.

Geben hat mich nie ärmer gemacht. Keinen einzigen Tag.

Fragen wir uns doch, warum machen wir das? Sind wir Mutter Teresas mit Heiligenschein und Flügel? Sind wir nicht! Weil viele von uns im Leben einen Sinn suchen. Viele sind enttäuscht von ihren Männern, Frauen, Kindern, von ihrem Umfeld, Arbeitsplatz oder von der Politik. Wir sind oft traurig, wir brauchen so eine Gemeinschaft. Ich kann nur sagen, ich wache jeden Tag in der Früh auf und ich weiß, warum ich aufwache und ich gehe dankbar jeden Abend ins Bett, weil ich weiß, dass ich auch in einem kleinen Gespräch oder einer kleinen Geste jemandem das Leben erleichtert habe. Egal wer hier sitzt und in großer oder kleiner Verantwortung ist –  wir alle sind es, jeder in seinem Bereich, wo er/sie „hineingesetzt“ wurde. Geben hat mich nie ärmer gemacht! Keinen einzigen Tag! Und das kann ich wirklich als Sozialarbeiterin, als Politikerin, als Mutter, als Ehefrau, als Hausfrau und in der Flüchtlingshilfe tätig, sagen. Nicht einmal hat mich Geben ärmer gemacht. Und ich bin so dankbar dafür!

Und eine letzte Geschichte: mein Mann und ich haben zwei Kinder von der Mutter Teresa adoptiert. Sie sind mit vier und fünf Monaten zu uns gekommen, sind heute 29 und 30, und nach wie vor dem größten Rassismus in Österreich ausgesetzt. Und wenn ich heute meine Kinder anschaue – sie reden perfekten Flachgauer Dialekt, sie reden perfektes Hochdeutsch, sie waren in Irland und in Schottland im Internat, sie sprechen Englisch und Französisch und noch einige andere Sprachen. Aber glaubt nur ja nicht, dass unsere Kinder deshalb in Österreich akzeptiert sind.

Es ist nicht Deutsch! Verstecken wir uns nicht dahinter! Deutsch ist eine selbstverständliche Voraussetzung, das muss man lernen. So, wie wenn ich flüchte, und dann in einem Jahr Farsi oder Arabisch oder Urdu lernen muss. Nach 25 Jahren kann ich gerade einmal „Frohe Weihnachten“ auf Bosnisch sagen.

Ja, Deutsch ist eine große Voraussetzung für alles: für eine gute Integration, für einen Arbeitsplatz, für eine Kommunikation, aber wir werden sie um keinen Millimeter lieber haben, wir werden sie um keinen Millimeter mehr schätzen. Ich sehe das täglich an meinen wohlerzogenen Kindern, die nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Das ist eine Frage der Haltung, nicht eine Frage der Werte. Was ist uns so wichtig, dass wir es diesen Menschen mitgeben möchten, wofür würden wir wirklich kämpfen?

Wir können diese Revolution der Menschlichkeit gemeinsam auf die Beine stellen.

Ich habe diese Sitzungen satt, ich habe diese Verhandlungen satt, ich habe diese ganzen Gesetze satt. Es muss gelebt werden! Und wer besser als wir, und wir hier heute sind ja nur ein Bruchteil von den ÖsterreicherInnen, die täglich im Einsatz sind.

Und wir alle kennen Puzzle: man probiert, dann geht’s, dann geht’s nicht, und endlich passt es und es kann sich ein anderer anhängen. Und wenn du auch der/die Allerletzte bist, wenn am Ende nur noch ein Stein übrig ist und das ist deiner, dann musst du hineingehen. Denn wenn du nicht gehst, dann bist du dafür verantwortlich, dass das Ganze nie komplett wird.

Und diese Aufgabe haben wir. wir brauchen nicht den großen Wurf machen, dafür haben wir Christian Konrads und Ferry Maiers oder auch noch viele andere, die da sitzen (lacht). Ich bin diesen Menschen so dankbar. Es gibt so viele reiche Leute in unserem Land, und das weiß ich von „Bauern helfen Bauern“. Wir geben diesen Menschen eine Chance, diese Gesellschaft mit zu verändern. Sie müssen nicht mitmachen, aber ihre Möglichkeit ist es uns etwas zu geben, damit uns das Leben leichter gemacht wird.

Auf Knien sollte man empfangen, aufrecht stehend sollten wir den Menschen etwas geben – und das wünsche ich mir von uns. Ich habe unendlich viel gelernt in den letzten Jahren, aber vielleicht könnten wir diese gemeinsame Revolution – und ich sag das ganz bewusst – der Menschlichkeit und auch der Achtung vor der menschlichen Würde eines jeden gemeinsam auf die Beine stellen .

Wir können die Welt nicht verändern! Wir können die Gesetze nicht verändern! Aber wir können den anderen Menschen zeigen, dass wir etwas tun, weil wir einfach die ganz tiefe Verantwortung haben den Schwächeren in unserer Gesellschaft auf die Beine, nämlich auf die sogenannte Augenhöhe zu verhelfen. Ja dann machen wirs, mein Gott. Dann machen wirs. Und ich erwarte mir, ich sehne mich danach, mit jedem Kapital, das hier sitzt, dass wir diese Revolution der Menschlichkeit endlich einmal auszulösen.

Und deshalb danke für diese Einladung der Ermutigung – ich habe so viel Mut bekommen allein in dieser halben Stunde hier. Wir müssen es leben!

Danke!

 

Fotos (c) Bauern helfen Bauern

Die Rede von Doraja Eberle zum Anhören

Für all jene, die lieber lauschen statt zu lesen, gibt es die Rede hier zum Nachhören. Viel Spaß!

Über "Bauern helfen Bauern - Salzburg"

„Bauern helfen Bauern“ entstand aufgrund der schrecklichen humanitären Lage in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Im Spannungsfeld dieses Konflikts gründeten Doraja und Alexander Eberle 1992 Bauern helfen Bauern – Salzburg, als private und unabhängige Hilfsorganisation, die ausschließlich von privaten Spendern und über 40 ehrenamtlichen Mitarbeitern getragen wird. Die einfache Idee: Bauern aus Österreich helfen Bauern in betroffenen Gebieten.  Man startete mit ehrenamtlicher Arbeit mit dem Bau einfacher Holzhäuser, um den Betroffenen die Möglichkeit zu geben, in ihrem Land wohnen zu bleiben und nicht flüchten zu müssen.

Homepage

Facebook

Spenden