Projektstart “neue ZeitzeugInnen”

Sind Flucht und Neubeginn damals und heute wirklich so anders? Flucht und Migration sind seit jeher Teil der österreichischen Geschichte und Identität. Damit sich die Gesellschaft weiterentwickelt, braucht es ein Miteinander, wir müssen einander zuhören und voneinander lernen.

Wir starten 2020 mit unserem Projekt „Neue ZeitzeugInnen“ gemeinsam mit _erinnern.at_ an Schulen. Die Premiere fand bereits bei unserem Vernetzungstreffen im vergangenen November statt. Dort haben Lutz Popper, ein NS-Zeitzeuge, und der 25-jährige Mojtaba Tavakoli, der 2007 aus Afghanistan geflüchtet ist, auf sehr berührende Weise über ihre Erfahrungen mit Flucht, Krieg, der Ankunft in einem “neuen” Land, Integration und Anders-sein unter der Moderation von Julia Demmer (erinnern.at) gesprochen.

Der offizielle Startschuss an Wiener Schulen fällt kommende Woche in der HLTW13 Bergheidengasse mit dem Ziel, Bewusstsein und Verständnis bei jungen Menschen zu schaffen, sich auf Österreichs eigene Geschichte zu besinnen und gleichzeitig Notwendigkeiten für einen respektvollen Umgang miteinander zu Gunsten unseres gemeinsamen Fortschritts klarzumachen. Unser Ziel ist es, Gespräche der “Neuen ZeitzeugInnen” während des ganzen Jahres 2020 österreichweit zu veranstalten. Interessierte können sich jederzeit gerne bei uns unter office@mwoe.at melden.

“Ich weiß nicht, wie ich es als 13-Jähriger allein aus Afghanistan geschafft habe. Heute bekomme ich Gänsehaut”.


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Mojtaba Tavakoli (25 Jahre), floh 2007 aus Afghanistan

“Bis Herbst 1941 durften Jüdinnen und Juden noch raus, danach saßen noch 70.000 in Wien fest – 65.000 davon wurden explizit ermordet. Und da erzählen mir Gleichaltrige noch heute von den ‘guten, alten Zeit’ …”

Lutz Popper (81 Jahre), floh 1939 als Sohn eines jüdischen Arztes aus Österreich

Hintergrundinformationen

erinnern.at ist das Institut für Holocaust Education im Auftrag des Bildungsministeriums an Schulen und fördert den Transfer von historischem und methodisch-didaktischem Wissen sowie die Reflexion seiner Bedeutung für die Gegenwart. Nähere Informationen unter www.erinnern.at

ZU DEN ZEITZEUGINNEN

 

Gertraud Fletzberger (87 Jahre, Wien)
Gertraud Fletzberger wurde 1932 in Wien geboren. Erst nach dem „Anschluss“ im März 1938 erfährt sie von ihren jüdischen Wurzeln. Die Eltern beschließen, Gertraud, ihren zehnjährigen Bruder und ihre fünfjährige Schwester mit einem Kindertransport nach Schweden zu schicken, um ihr Leben zu retten. Nach fast zwei Jahren bei Pflegeeltern kann Gertraud Fletzberger von ihrer Mutter, die inzwischen ebenfalls nach Schweden geflüchtet ist, wieder aufgenommen werden. 1947 war die Familie wieder in Wien vereint. Schwedisch war zu Gertraud Fletzbergers „Muttersprache“ geworden, Deutsch musste sie wieder lernen, deshalb wurde sie als „Rückwanderin“ zum zweiten Mal zu einer Fremden, diesmal im eigenen Land. Frau Fletzberger ist schon seit vielen Jahren als Zeitzeugin an Österreichs Schulen unterwegs um jungen Menschen ihre Geschichte zu erzählen und diese dahingehend zu sensibilisieren, was es bedeutet sein zuhause verlassen zu müssen und sich fremd zu fühlen. (© Sabine Sowieja)

Dr. Ludwig “Lutz” Popper (81 Jahre, Wien)
Nachdem die Nazis Ludwig Poppers Vater, einem jüdischen Arzt, ein Berufsverbot auferlegt hatten, flüchtete er erst in die Schweiz, dann erhielt die ganze Familie 1939 ein Visum für Bolivien. Schließlich gelang die Flucht, die Familie überlebte den Krieg im fernen Bolivien. Nach Kriegsende, im November 1947, kamen sie zurück nach Wien. In ihrer Heimatstadt hatte die Familie keine Verwandten mehr, Ludwig Popper lernte in der Schule, was es bedeutete, Jude zu sein. Sein eigenes Erlebtes, z.B. wie sich der Antisemitismus in der Bevölkerung ausbreitete und im ersten Höhepunkt im Novemberpogrom 1938 gipfelte, verknüpft er mit aktuellen Tendenzen. Er zeigt auf, mit wie vielen und welchen Gesetzen Juden diskriminiert und aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden und warnt vor aktuellem Nationalismus und der Hetze gegen Minderheiten. Was Popper heute den Schülern mitgibt, wenn er in die Klassen geht? “Das Entscheidende für mich ist, es Kindern klar zu machen, dass alle Menschen gleich sind.”

Mojtaba Tavakoli (25 Jahre, Klosterneuburg, ursprünglich aus Afghanistan)

Als 13-jähriger floh Mojtaba 2007 aus Afghanistan. Es war nie geplant, nach Österreich zu kommen, ihm ging es nur darum, in Sicherheit zu sein. Sein Weg führte ihn über den Iran und die Türkei nach Griechenland. Auf der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland verlor er in den Fluten des Mittelmeers seinen älteren Bruder. Nach der Ankunft in Griechenland beantragte er Asyl, jedoch erst in Österreich konnte er letztendlich ein Asylverfahren in die Wege leiten. Im Sommer 2007, drei Monate nach Antragstellung, erhielt er subsidiären Schutz. Eine Patenfamilie und ein engagierter Hauptschuldirektor haben ihm den Weg in die österreichische Gesellschaft erleichtert. Mojtaba hat mittlerweile die österreichische Staatsbürgerschaft, hat sich mit einem Marie-Curie-Stipendium am Institute of Science and Technology in Klosterneuburg seinen Doktor-Titel in Neurowissenschaften erarbeitet.

(c) Fotos: Menschen.Würde.Österreich / Susanne Reiterer

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