Kattunfabrik – Das Cuture Lab. Reparieren statt wegwerfen.

Kattunfabrik – Das Cuture Lab. Reparieren statt wegwerfen.

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Im Dachgeschoß des Donauquartiers in der Mariannengasse im 9.Bezirk befindet sich die Übungswerkstatt der Kattunfabrik – das Cuture Lab, ein gemeinnütziger Verein mit dem Ziel geflüchtete Menschen dabei zu unterstützen, den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden. Finanziert wird das Projekt derzeit über Jahresbeiträge und Spenden.

Aus dem Nebenzimmer der Werkstatt hört man das Hämmern der alten Nähmaschinen. „Unsere älteste Dame ist aus den 1970er Jahren, die „Jüngste“ hat auch schon 20 Jahre auf dem Buckel. Gerade ist ein Motor ausgefallen, aber zum Glück habe ich noch einen oben im Lager“, erzählt Jimmy Nagy – einer der Gründer und Werkstattleiter der Kattunfabrik. Weggeschmissen wird hier nichts, solange man es reparieren kann.
Die Kattunfabrik ist nicht sein erstes „Baby“, denn begonnen hat für ihn alles mit der Gründung des Suchportals „Search and find your family and friends“ auf Facebook. Ein Suchportal das Menschen, die sich auf der Flucht verloren haben, wieder zusammenführen sollte.

172 Familien haben sich letztendlich dadurch wiedergefunden. „Eines der schönsten Erlebnisse war, als wir in Zusammenarbeit mit „Train of Hope“ einen geflüchteten Mann, nach über zwei Jahren mit seiner auf der Flucht verlorenen Familie zusammengeführt haben, von der er dachte, dass sie schon längst tot sei. In solchen Momenten weiß man, es ist richtig, was man tut“, erzählt Jimmy. Erfolgsgeschichten wie diese sind es, die ihn in harten Zeiten durchhalten lassen.

Eine Naht verbindet.

In Übungstutorien mit Fachpersonal sollen TextilarbeiterInnen mit Fluchterfahrung die deutsche Sprache, Arbeitsweisen und Qualitätsstandards der europäischen Textilbranche an praxisnahen Übungsstücken erlernen. Außerdem wird auf den Kompetenzcheck des AMS vorbereitet und bei Behördengängen begleitet. Ferner wird auch am Bewerbungstraining selbst gearbeitet, um die Chance zu geben, frei und selbstständig Gespräche führen zu können. 180 Stunden dauert das Übungsprogramm in der Regel, im Schnitt ist eine übende Person vier Monate in der Kattunfabrik. Zuerst wird anhand einzelner Werkstücke der Wissensstand ermittelt und sich dann Projekt um Projekt weiter hochgearbeitet. „Das erste Projekt ist meistens ein Sackerl oder eine Tasche. Da sehe ich sofort, ob jemand gut nähen kann. Es geht hier nicht primär um Mode, oder dass das, was produziert wird, irgendjemand hübsch findet. 100 Sackerl am Stück bedeuten 100mal die gleiche Naht, das bringt den nötigen Lerneffekt. Großartige Haute Couture hilft da nicht weiter“, erklärt Jimmy. Immer wieder gibt es gesonderte Projekte – zum Teil auch von Unternehmen unterstützt – welche neue Kreativität fördern und Herausforderungen bieten. „Natürlich wünschen wir uns auch zu wachsen, aber organisch und nicht um jeden Preis. Woran es uns aktuell fehlt sind ehrenamtliche Schneiderei-Fachkräfte, die regelmäßig Tutorien halten können. Je mehr Leute wir in unserem Team haben, desto mehr Tutorien können wir auch anbieten“, so Jimmy.

Wie alles begann.

Begonnen hat alles im Sommer 2015 in St. Pölten mit einer Werkstatt für geflüchtete Menschen. In dieser konnten sie ihre Kleidung, die auf der Flucht nach Österreich kaputtgegangen war, selbst reparieren. Es folgte die Idee, zurückgelassene kaputte Zelte der Besucher des Frequency Festivals einzusammeln und diese zu recyceln. Die Zelte wurden gewaschen, repariert und zusammen mit Schlafsäcken an geflüchtete Menschen im Flüchtlingslager Traiskirchen verteilt. Ein Jahr später, als der Bedarf ein ganz anderer war – nämlich, dass Menschen, die auf der Flucht waren, Schutz vor Regen und Kälte benötigten – entstand die erste Regenjacke. Aber warum Upcycling aus alten Zelten? „Wir denken, es werden Zeiten kommen, in denen wir keine andere Alternative mehr haben, als die Wiederverwertung von Rohstoffen. Also bereiten wir uns am besten vor und versuchen Bewusstsein dafür zu schaffen“, so Jimmy.

Bis heute werden in der Regel Zeltplanen aus folgenden Stoffen gesammelt: Polyester (PES), Ripstop Nylon, High Tenacity Ripstop Nylon und Membranen (Gore-Tex, eVent, etc). Alle diese Stoffe eigenen sich gut für den weiteren Einsatz, da sie auch nach Jahren noch gut gereinigt und weiterverarbeitet werden können.

Das Masterpiece – mach‘s zu deinem Projekt.

Dieses Projekt findet mit einer Fachperson und einer geflüchteten Person im Arbeitstraining des AMS statt. Ziel ist es, eine praxisnahe Situation zu schaffen, wie sie im künftigen Arbeitsleben vorkommen kann. Und – für die unterstützende Person bedeutet es: Maßkleidung zum kleinen Preis – ökofair produziert in Wien. Cool ist außerdem: Der/Die UnterstützerIn ist Teil dieses Projekts und kann vorschlagen, welches Kleidungsstück gemacht wird. Die Kattunfabrik stellt den Stoff, macht den Schnitt und in zwei Terminen wird das Kleidungsstück angepasst. Am Ende kann das Ergebnis des Projektes als Dankeschön mitgenommen werden. Möglich ist vom Kleid bis zum Sakko vieles. „Wir sind ein Fortbildungsbetrieb. Keine Auftragswerkstatt und schon gar kein Ausbildungsbetrieb. 1000 Stück eines Produkts zu einem bestimmten Lieferdatum sind einfach nicht machbar. Wir arbeiten nicht auf Gewinn ausgerichtet, sondern bieten unsere produzierten Produkte zum Selbstkostenpreis an“, erklärt Jimmy.

Wer ist die Kattunfabrik?

Ein Gemeinschaft aus ehrenamtlichen Motivierten, Engagierten und Fachkräften sowie Übenden, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind und dort in der Textilindustrie tätig waren.

Ali Reza Karimi.

Ali Reza hat zwar die afghanische Staatsangehörigkeit, wurde aber schon im Iran geboren, von wo er 2015 nach Europa fliehen musste. Im Iran hat er sein eigenes kleines Schneiderei-Unternehmen geführt. In Österreich möchte er auch wieder eine Schneiderei eröffnen. An Österreich gefallen ihm die klaren Regeln und Gesetze sowie die Hilfsbereitschaft der Menschen.

Ali Naseri.

Ali ist bereits seit 2013 in Österreich. Er wurde in Kabul geboren, das er im Alter von einem Jahr gemeinsam mit seiner Familie verlassen musste. Er lebte bis zu seiner Flucht im Iran und arbeitete dort in der Großindustrie. Wie er Österreich findet? „Alles ist schön. Alles ist gut hier!“

Fahima Tahiri.

Fahima ist 2015 zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern nach Österreich gekommen. Sie wurde in Afghanistan geboren, hat dann lange in Pakistan gelebt und nach dem Tod ihrer Eltern in Afghanistan geheiratet. Von dort ist sie 2015 zusammen mit ihrer Familie geflohen. In Afghanistan hatte sie ihre eigene kleine Änderungsschneiderei. Was sie an Österreich mag? „In Österreich ist alles besser als in Afghanistan, vor allem für Frauen.“

Gemeinsam neue Wege denken und gehen.

Die Kattunfabrik – das Cuture Lab möchte Bewusstsein schaffen für die Problematiken und Rahmenbedingungen der Textilindustrie und dem Käufer aufzeigen, wie deren Kleidung unter welchen Bedingungen produziert wird. Die Ausbeutung von Menschen und Natur beginnt im ersten Moment des Produktionsprozesses – vom Anbau der Baumwolle (Afghanistan, Pakistan) über die Produktion von Polyester-Garn (Syrien, zum Beispiel Damaskus und Aleppo) bis hin zum Nähen billiger Kleidung (Türkei, Indien, Bangladesch).

Die Vision ist es, das Verhalten der Konsumenten zu sensibilisieren. Gute, gesunde und nachhaltige Kleidung soll für alle Menschen gleich zugänglich sein und Geflüchtete sollen in der Kattunfabrik zu Botschaftern dieses globalen Wandels gemacht werden. Den Herausforderungen der Zukunft können wir nur gemeinsam begegnen. Hierfür benötigt es eine gemeinsame Sprache sowie eine gemeinsame Arbeitsgrundlage. Darum kümmert sich die Die Kattunfabrik – Das Cuture Lab.