Eine Hochzeit und einige Hindernisse

Eine Hochzeit und einige Hindernisse

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„Wehrt euch!“ stand in dem Facebook-Aufruf der „Bürgerinitiative für ein asylantenfreies Almenland“, ins Netz gestellt von einem anonymen Nutzer, versehen mit zahlreichen „Gefällt mir“-Angaben. Schon am Tag zuvor hatten Gäste im örtlichen Kaffeehaus der jungen Mutter Katharina Tobinger zugeraunt, dass Asylwerber in den Ort kommen sollen, ins oststeirische Passail. „Dann kannst du mit deinen zwei Kindern nicht einmal mehr spazieren gehen“, warnte man sie. Viel zu gefährlich!

Katharina hatte zuvor noch nie etwas mit geflüchteten Menschen zu tun gehabt, aber einen solchen Aufruf wollte die damals 24-Jährige nicht einfach so stehen lassen. Kurzerhand legten sie und ein paar Mitstreiter die Seite „Miteinand’ im Almenland“ an, holten Gemeinde, Pfarre und Caritas an ihre Seite. Wobei der ÖVP-Bürgermeister im Frühling 2015 abgewählt wurde: Viele Bürger machten ihn dafür verantwortlich, dass Passail Geflüchtete zugeteilt bekam.

"Das traust dich?"

Als Erstes kamen knapp dreißig alleinstehende Männer im Ort an. Genau das, was viele fürchteten. Doch rasch war ein Begrüßungsabend im Pfarrsaal organisiert, bald fanden sich Freiwillige, die mit den Neuen Deutsch lernten, Ausflüge, Feste, Wanderungen auf die Beine stellten. Von allen Unternehmungen stellte Katharina Tobinger Fotos online, das schürte die Neugier. Über die Facebook-Gruppe verfolgten so auch die Skeptischen die Geschehnisse mit.

Gegen ein kleines Entgelt konnten die Asylwerber gemeinnützige Tätigkeiten für die Gemeinde verrichten. Für ein Projekt, das Passail plastiksackerlfrei machen soll, nähen Asylwerberinnen Stofftaschen, die in den Geschäften der Region verkauft werden. Auch an Aktionen wie dem „Großen Frühjahrsputz“ nehmen die Zuzügler teil, hinterher hocken Alt- und Neu-Passailer im Wirtshaus zusammen.

Freilich war die Skepsis nicht von einem Tag auf den anderen verschwunden. Selbst Freunde waren irritiert, als Katharina Geflüchtete in ihre Band holte und zum Proben auch nach Hause einlud. „Das traust dich?“, bekam ihr Mann zu hören. „Wir haben dann einfach mit jedem Einzelnen geredet“, sagt sie. Ihre Erfahrung: ja nicht einfach drüberfahren, damit verscheuche man nur die Leute. Nachfragen, zuhören und von den eigenen Erfahrungen berichten, das helfe meistens. Für manche allerdings sind und bleiben Geflüchtete bedrohlich – außer jene in Passail, die sie persönlich kennen.

Seit 2015 sind fast 140 geflüchtete Menschen in Passail angekommen. Viele von ihnen sind längst weitergezogen, einige wurden abgeschoben. Aus der kleinen Initiative wurde ein Verein mit einem engagierten Obmann und einem harten Kern von etwa 20 Freiwilligen.

Derzeit wohnen etwa 35 Menschen in der Flüchtlingsunterkunft im Ort. Andere Familien haben bereits Asyl bekommen und sind in Passail geblieben, machen eine Ausbildung, sind berufstätig. Das ist Katharina Tobinger, die jetzt bei der Caritas arbeitet, wichtig: Sie sieht mit Skepsis, dass viele in die größeren Städte gehen und dort „in Ghettos“ leben. „Wären die Menschen gleichmäßig über die Regionen verteilt, würde man in Österreich kaum merken, dass wir Geflüchtete haben.“ Sie freut sich, dass der Syrer Mohammed als Restaurantfachmann auf der Teichalm arbeitet und der Afghane Lahor, Lackierer in einer Tischlerei, unter den Kollegen Freunde gefunden hat. Bilal aus Palästina sei als Lehrling im Einkaufszentrum Reisinger in Passail gar „ein bisschen prominent“.

Der erste Flüchtling, den Katharina getroffen hatte, war Hussein, ein syrischer Kurde, mittlerweile ihr Bandkollege. Bei einem Konzert lernte er ihre Freundin Antonia kennen, eine gebürtige Weizerin. Der Hochzeitstermin für Antonia und Hussein ist im August. Trauzeugin ist natürlich die Flüchtlingshelferin.

 

 

Text: Gerlinde Pölsler

Fotos: Facebook (Katharina Tobinger, Miteinand im Almenland)