Ein Samariter aus Damaskus

Ein Hauch von Gülle zieht über den Garten in Schöngumprechting, einem kleinen Nest nahe Seekirchen. Jehad Turjman streckt sich in der Sonne. „Sommer ist gut, da kann ich in meinem Freiluftbüro arbeiten“, sagt er, und streift, nicht ganz ohne Stolz, seine rote Uniform glatt. „Im Supermarkt, da lächeln die Leute einem zu, wenn man in Uniform kommt. Bin ich in Zivil, achten die Leute eher auf meinen dunklen Teint und schauen oft ein bisschen weniger freundlich.“ Wer den Mann in seiner Samariterbund-Uniform sieht, wird kaum ahnen, dass er selbst einer von jenen ist, um die er sich kümmert: ein Flüchtling.

„Ich wollte nicht für die Waffenindustrie sterben.“

Sein Ziel war Deutschland, in Österreich erwischte ihn die Polizei, wofür er heute dankbar ist. Denn heute ist Turjman Leiter der Flüchtlingsunterkunft in Schöngumprechting. Seit zweieinhalb Jahren ist der 28-Jährige beim Samariterbund angestellt. Anfangs half er mit sprachlicher und „kultureller Übersetzung“, wie er es nennt. Später übernahm er immer mehr Aufgaben in der Unterkunft. Heute schmeißt er den Laden quasi allein.

Die überwiegend jungen Bewohner der Unterkunft haben ein freundschaftliches Verhältnis zu ihrem Unterkunftsleiter. „Er schlägt uns jeden Tag fürchterlich!“, scherzt der 20-jährige Amiri, der hier in der Flüchtlingsunterkunft auf den Ausgang seines Asylverfahrens wartet. „Nein, nein! Jehad ist ein guter Mann. Am liebsten spielt er mit uns Fußball, wenn wir von der Schule nach Hause kommen.“

„Viele Menschen haben mich gefördert. Sie haben mir einfach ihr Vertrauen geschenkt“

Der Job mit den Flüchtlingen sei sehr abwechslungsreich. „Manchmal bin ich den ganzen Tag mit Büroarbeit beschäftigt und muss Konflikte lösen – dann wieder brauchen sie mich gar nicht und ich muss nur Klopapier verteilen.“

Dass er selbst auf der Flucht war, sei ein großer Vorteil, weil er so besser verstehe, was in den jungen Männern in seiner Unterkunft vorgehe, auch seine Sprachkenntnisse helfen. Aber manche der Geschichten, die die Bewohner, derzeit vor allem Afghanen, ihm erzählen, seien auch für ihn belastend, wecken Erinnerungen an das, was er in Syrien erleben musste: „Die Träume vom Geheimdienst und von den Bomben, die werden nur sehr langsam weniger.“

Seine Wurzeln habe er heute in Österreich, sagt Turjman. Den Traum, eines Tages Syrien besuchen zu können, hat er trotzdem nicht aufgegeben. „Ich möchte am liebsten beide Länder behalten.“ Was war sein Erfolgsrezept, sich so schnell hier zurechtzufinden? Um Deutsch zu lernen, hat er seine „Geheimmethode“ angewandt: „Ich habe mir auch im Schlaf Deutschkonversationen angehört.“ Simple Übungsdialoge von Youtube halfen, die komplexe deutsche Grammatik schnell zu erfassen.

Um im Alltag Fuß zu fassen, brauchte Turjman aber vor allem eines: Österreichische Unterstützer. „In Berndorf, wo ich am Anfang gewohnt habe, waren die Leute so nett.“ Die Einheimischen haben Essen in die Unterkunft gebracht, mit den Flüchtlingen Deutsch gelernt und manchmal brachte eine Frau sogar ihre Kinder zum Aufpassen vorbei. „Viele Menschen haben mich gefördert. Sie haben mir einfach ihr Vertrauen geschenkt“, erzählt der junge Mann. „Nur so kann Integration funktionieren.“

 

Porträt: Christof Mackinger