Dunia bleibt da

Ihr Lächeln verzauberte uns im Sommer 2015 mitten in der größten humanitären Katastrophe. Heute ist Dunia nicht mehr das Flüchtlingsmädchen aus Syrien, sondern eine von uns.

Das "Flüchtlingsmädchen im Blumenkleid"

Dunia hat Stress. „Ich muss bis Schulschluss zehn gelesene Bücher in meiner Bücher-App eingetragen haben. Dann bekomme ich von meiner Lehrerin etwas.“ Sie hat aber erst sieben Bücher gelesen. „Das geht sich trotzdem schon noch aus“, sagt das Mädchen in bestem Deutsch und lacht.

Vor drei Jahren, im Flüchtlingssommer 2015, war sie das Kind, das ganz Österreich verzauberte. Damals kamen täglich mehrere tausend Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan über die Grenze nach Österreich. Dunia war eine von ihnen. Als „Flüchtlingsmädchen im Blumenkleid“ wurde sie damals in ganz Österreich bekannt. Und das kam so: Im Hochsommer 2015 wurde sie mit ihrer Mutter und den drei Geschwistern vom Flüchtlingslager Traiskirchen nach Oberösterreich verlegt. Weil es ein brennheißer Sommertag war und um die Flüchtlinge willkommen zu heißen, stellte die Freiwillige Feuerwehr im Ort Wassernebel auf, damit die Flüchtlinge sich abkühlen und die Kinder planschen können.

Als Dunia mit strahlendem Gesicht mitten im Wassernebel stand, drückte ein Feuerwehrmann auf den Auslöser. Das Foto des fröhlichen Mädchens aus Syrien wurde in sozialen Medien tausendfach geteilt, von den Zeitungen abgedruckt und schließlich sogar zum Pressefoto des Jahres gewählt.

Neue Heimat

Heute geht es wieder ruhig zu in Dunias Leben. Mit ihrer Familie wohnt sie in einem kleinen Ort in Oberösterreich nahe der Donau. Im August 2015 fanden sie hier einen Platz im alten Pfarrhaus. Außer ihnen lebt noch eine zweite Flüchtlingsfamilie, die aus dem Irak stammt, im Dorf. Rund um das Haus sind Wiesen und Felder. Wenn Dunia von der Schule nach Hause kommt, macht sie ihre Hausübungen. Dann schnappt sie sich ihr Fahrrad und fährt zu ihren Freundinnen Barbie spielen oder auf den Spielplatz.

Auch die Eltern fühlen sich wohl in diesem idyllischen Dorf. „Griaß di!“, sagt Mutter Yasmin Barakat in breitestem Oberösterreichisch, als sie die Tür öffnet. Obwohl Ramadan ist und sie ein Kopftuch trägt, biegt sich der Tisch vor selbstgemachten Köstlichkeiten. Dabei ist die Sonne noch lange nicht untergegangen. „Wir sind da nicht so streng“, lässt die Mutter einen Dolmetsch, den die Familie organisiert hat, übersetzen. „Wenn man Gäste hat, muss man sie ordentlich bewirten, das ist uns wichtiger.“

Das Deutschlernen fällt ihr und ihrem Mann Azad weit nicht so leicht wie den Kindern. „Ich habe nur einen Anfängerkurs besucht“, sagt der Vater. Arbeiten sei wichtiger gewesen, und einen Deutschkurs bekomme man nur bezahlt, wenn man arbeitslos gemeldet ist.

Als seine Frau und die Kinder Asyl in Österreich bekamen, reiste er im Februar 2016 per Familiennachzug nach. „Als ich im Juni meinen Asylbescheid hatte, suchte ich sofort eine Arbeit.“ Seitdem führt er als Lkw-Fahrer 40 Stunden die Woche Beton mit einer Mischmaschine durch das Land. „Ich habe mir gedacht, es ist besser, ich arbeite gleich und lerne dabei auch Deutsch“, sagt er. „Denn wir wollten nicht von Sozialhilfe leben, sondern unser eigenes Geld verdienen und dem Land dafür, dass es uns geholfen hat, etwas zurückgeben.“ Aber als Lkw-Fahrer sitze man eben viel alleine im Wagen und komme wenig zum Reden.

Yasmin Bakarat arbeitet, seit sie in Österreich einen Asylantrag gestellt hat. „Zuerst habe ich während des Asylverfahrens als gemeinnützige Tätigkeit auf der Gemeinde für fünf Euro in der Stunde geputzt“, erzählt Dunias Mutter. „Seit wir Asyl haben und arbeiten dürfen, putze ich 20 Stunden pro Woche, zwölf Stunden in der Schule und zweimal vier Stunden bei Firmen.“ Zusätzlich besuchte sie einen Deutschkurs im Ort, den Freiwillige organisierten.

Dunia ist dafür ein Deutschprofi. Sie geht in die dritte Klasse Volksschule, auch ihr jüngster Bruder ist dort. „Wir sitzen sogar nebeneinander, weil die Frau Lehrerin meint, es ist gut, wenn Mädchen neben Buben sitzen“, sagt sie. Ihre beiden größeren Brüder gehen in die Neue Mittelschule, eine klassische Landschule. Beim letzten Elterngespräch hat die Volksschullehrerin den Eltern gesagt, dass Dunia und ihr Bruder keine zusätzliche Förderung mehr benötigen. Ihr Deutsch ist schon genauso gut wie das der oberösterreichischen Kinder im Ort. „Vorher hatten wir eine Lehrerin, die hat uns immer in die Schulbibliothek mitgenommen und dort mit uns Deutsch gelernt“, erzählt das Mädchen. Ihre Klasse sei super, findet Dunia, „obwohl es auch ein paar Kasperlclowns gibt, die nur Blödsinn machen“. Mathe mag sie nicht so sehr, „da lernen wir nämlich gerade dividieren mit Rest“. Musik und Turnen macht ihr am meisten Spaß. „Ich habe vorigen Winter auch eislaufen gelernt“, erzählt das Mädchen, schnappt sich das Handy ihres Vaters und zeigt ein Video, auf dem sie im Schnee ihre ersten Runden auf Kufen dreht.

Auch ihr Vater wurde in Österreich zum Wintersportfan. „Ich gehe jeden Mittwoch mit den Senioren im Ort eisstockschießen und im Sommer spielen wir Asphaltschießen“, erzählt er. Als das Pfarrzentrum neben ihrem Wohnhaus saniert wurde, war der Moslem Barakat einer der fleißigsten freiwilligen Helfer im Ort. Als er kürzlich seinen 39. Geburtstag feierte, sangen ihm die Nachbarn ein Ständchen. Diesen Sommer wollen die Barakats das erste Mal seit ihrer Flucht die Koffer packen. Gemeinsam mit dem Onkel soll es nach Kroatien gehen, der erste Sommerurlaub am Meer. Die Geschichte der Barakats ist eine Erfolgsgeschichte.

"Weil ich Menschen retten will"

Die Geschichte hätte auch ganz anders ausgehen können. Eingepfercht in einem Lieferwagen kam die Mutter im Juli 2015 mit ihren vier Kindern nach Österreich. Dunia war damals sechs, ihre Brüder sieben, neun und zehn Jahre alt. „Vier Tage lang war ich mit den Kindern und vielen anderen Flüchtlingsfamilien im Lkw eingesperrt, bis wir endlich in Österreich waren“, erzählt Mutter Yasmin.

Vier Tage mit ganz vielen Menschen auf engstem Raum zusammen, zittern, warten, beten und schauen, dass die Kinder ruhig sind, damit keine verdächtigen Geräusche aus dem Lkw nach draußen dringen. „Wir haben extra mehr gezahlt, weil wir nicht wollten, dass unsere Kinder die gefährliche Reise über das Mittelmeer machen müssen“, ergänzt der Vater. Einen Monat nachdem Dunia mit ihrer Mutter und den Geschwistern sicher in Österreich ankommt, fällt der Polizei auf der Autobahn nahe der ungarischen Grenze ein Lkw auf. Darin lagen die Leichen von 71 Menschen. Auch sie Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan und alle im Lkw erstickt.

Die Flucht der Barakats begann aber schon im Jahr 2011. Die kurdische Familie lebte in der Grenzregion zur Türkei, dort, wo Islamisten ein Kalifat errichten wollten. „Ab dem Jahr 2011 sind wir immer, wenn es bei uns zu gefährlich wurde, über die Grenze in die Türkei“, erzählt Azad Baraka. Gefährlich wurde es oft. Ein Mal gab es sieben Bombenattentate in nur drei Monaten. „Und bei einem starben 50 Menschen“, sagt der Vater. Die Kinder konnten nicht in die Schule gehen. In der Türkei war es syrischen Flüchtlingskindern damals noch verboten, eine Schule zu besuchen. In Syrien war es wiederum zu gefährlich, die Kinder in die Schule zu schicken. „Immer wieder haben Islamisten Kinder auf dem Schulweg verschleppt“, erzählen die Eltern.

Hier in dem kleinen oberösterreichischen Ort, wo man von oben sieht, wie sich die Donau durch das Land schlängelt, scheint all das vergessen. Für Dunia und ihre Familie ist das hier ihre neue Heimat. Im Winter sammeln die Barakats das trockene Brot und gehen mit den Kindern die Enten und Schwäne füttern. Im Sommer sind sie im Freibad. „Die Menschen hier im Ort haben uns so liebevoll aufgenommen und wir sind wirklich dankbar, dass unsere Kinder in Österreich eine Zukunft haben und in Frieden und Demokratie aufwachsen können“, sagen die Eltern.

Auch Dunia gefällt ihr neues Leben und sie hat viele Wünsche, große und kleine. Den oberösterreichischen Dialekt möchte sie besser lernen, sagt sie. Wenn sie groß ist, will sie Ärztin sein, „weil ich Menschen retten will“.

Ein anderer Wunsch wird früher in Erfüllung gehen. „Im September bekomme ich eine Babykatze“, flüstert Dunia zum Abschied. Und strahlt dabei mindestens so fröhlich wie damals, als sie das „Flüchtlingsmädchen im Blumenkleid“ war.

 

Porträt: Nina Horaczek

Fotos: Heribert Corn & Martin Peneder