Die starken Frauen vom See

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In der Region Neusiedl unterstützt ein Netzwerk in zahlreichen Gemeinden Asylwerber im Alltag.

Was sie so machen, rund um den Neusiedler See? „Alles, was Herbert Kickl verbieten will“, sagt Ariane Umathum, die österreichweit bekannte Weinbäuerin, und lacht. Zuerst waren es kostenlose Deutschkurse für die vielen in den Gemeinden rund um den Neusiedler See untergebrachten Asylwerber, die Umathum 2015 mit anderen ehrenamtlichen Helfern auf die Beine stellte. Bei diesen Kursen merkten die Helfer schnell, was noch alles zu tun ist, organisierten Arzttermine, suchten Unterkünfte, gingen mit zur Fremdenpolizei und packten an, wo Hilfe im Alltag nötig war.

Weibliches Engagement für geflüchtete Menschen

Von etwa 100 Helferinnen und Helfern des Jahres 2015 sind heute noch 40 aktiv. „Manchen ist das Engagement psychisch zu viel geworden“, sagt Umathum, „wir haben ja alle in den vergangenen drei Jahren Geschichten gehört, die kaum auszuhalten sind.“ Geblieben sind vor allem Frauen, die weiterhin rund um den See unterstützend wirken. Einige von ihnen sind heute ins Weingut der Umathums gekommen. Christa Wendelin aus Parndorf zum Beispiel. Die meisten jungen Asylwerber, die in der Region untergebracht sind, die sind so alt wie unsere eigenen Kinder“, sagt sie.

Dass der überwiegende Teil derjenigen, die sich für die Integration von Flüchtlingen engagieren, weiblich ist, belegen auch die Zahlen des „Forschungsinstituts Zivilgesellschaft“, das jene befragte, die 2015 geflüchteten Menschen halfen. 1500 Helferinnen und Helfer nahmen an der Umfrage teil. Das Ergebnis: 72,4 Prozent der Helfenden waren Frauen, mehr als zwei Drittel waren 26 bis 55 Jahre alt. Nur bei den Senioren über 66 Jahre, die mit anpackten, waren die Männer in der Überzahl.

"Ich würde gerne arbeiten, werde aber dazu gezwungen, nichts zu tun"

„Für mich kam die Motivation, mich zu engagieren, aus der Frage, wie gehen wir als Ort mit den Menschen, die neu bei uns ankommen, um“, sagt Ariane Umathum. Deshalb engagieren sich die Neusiedlerinnen bis heute in der Region, üben Deutsch, organisieren Workshops, basteln mit Asylwerbern für den Weihnachtsmarkt, machen Ausflüge, bauen mit den Asylwerbern Gemüse an oder laden zum „Eat and Greet“ in Neusiedl am See. „Da gehen Asylwerber, die gerne kochen, mit Neusiedlern einkaufen, und dann wird gemeinsam gekocht und gegessen“, erzählt Sieglinde Stadler vom Netzwerk „Region Neusiedlersee hilft“.

Was das Helfen nach drei Jahren Einsatz erschwert, ist die lange Dauer der Asylverfahren. „Nach drei Jahren haben die meisten die Deutschkurse fertig und einen Pflichtschulabschluss gemacht und dürfen dann nichts mehr tun. Dabei gäbe es genug Arbeit“, sagt die Weinbäurin Umathum. Gerade jetzt suchen die Umathums händeringend nach Helfern in den Weinbergen, „und nicht nur wir, sondern alle Landwirte und Tourismusbetriebe der Region“. Aber das Kontingent an Saisonarbeitskräften ist erschöpft. Ein Asylwerber habe einmal zu ihr gesagt, er verstehe unser Land nicht, erzählt eine weitere Helferin. „Er meinte: ,Ich würde gerne arbeiten und etwas leisten. Aber ich werde dazu gezwungen, nichts zu tun und Geld vom Staat zu nehmen.‘“

 

Besuch: Nina Horaczek

Foto: Heribert Corn