Das Enkerl aus Somalia

Das Jahr 2015 veränderte nicht nur das Leben zahlreicher Flüchtlinge, die nach Österreich kamen. Es bescherte auch der Psychiaterin Bettina Reiter Familienzuwachs.

Wenn aus Gästen Familie wird

Dienstag ist Mona-Tag, der Tag, auf den sich Bettina Reiter immer ganz besonders freut. Am Dienstag holt sie das zweijährige Mädchen aus dem Kindergarten, und dann wird im bürgerlichen Hietzing im Garten der Familie Reiter Gassigehen gespielt. Denn der kleinen Mona hat es der Familienhund Cosi der Reiters besonders angetan.

Zehn Tage war Mona alt, als sie im November 2015 in Wien ankam. Die Mutter Asma, damals 19 Jahre alt, war wenige Wochen zuvor hochschwanger und gemeinsam mit ihrem 14-jährigen Bruder aus Somalia geflüchtet. Gleich nach Asmas Ankunft in Wien erreichte Reiter ein Anruf eines Bekannten, der in einem Flüchtlingsnotlager mithalf. Sie hätten nicht einmal mehr eine Isomatte für die frischgebackene Mama und ihr Baby. Also quartierte Reiter die kleine Familie im Gästezimmer ein, ließ sie einige Wochen bei sich wohnen und organisierte in der Zwischenzeit eine betreute Unterkunft. Auch nach deren Umzug verlor Reiter die junge Mutter nicht aus den Augen, lud sie weiter regelmäßig mit ihrem Baby und dem Bruder zu sich nach Hause ein. So wurden aus Gästen neue Familienmitglieder.

„Viele von ihnen brauchen unsere Unterstützung heute nicht mehr, haben sich selbst ein Leben aufgebaut."

Mit Flüchtlingen hatte die Psychiaterin zuvor schon zu tun. 2015 sammelte sie zuerst auf Respekt.net an die 100.000 Euro, um Flüchtlinge in Traiskirchen mit Kleidung, Schlafsäcken und Hygieneartikeln zu versorgen und später auch Deutschkurse zu finanzieren.

Parallel dazu half sie als Ärztin in einer Flüchtlingsunterkunft in Hietzing mit. „Weil so viele unbedingt Deutsch lernen wollten, haben wir jeden Sonntag bei uns in der Wohnung ein ,Sprachencafé‘ eingerichtet“, erzählt sie. Eine ganze Gruppe an Freundinnen fungierte als Deutschlehrerinnen, in jedem Zimmer saß eine von ihnen mit einer Gruppe Flüchtlinge und übte die ersten deutschen Wörter und Sätze. Zusätzlich übernahmen Reiter und ihre Freunde Wohnpatenschaften. Weil sich die Flüchtlinge nach einem positiven Asylbescheid die Kaution für eine Wohnung nicht leisten konnten, streckten sie das Geld vor und bekommen es in Raten zurückgezahlt.

An die 20 Schüler von damals sind ihr bis heute geblieben, wurden von Deutsch Lernenden zu Freunden. „Viele von ihnen brauchen unsere Unterstützung heute nicht mehr, haben sich selbst ein Leben aufgebaut, schauen aber trotzdem immer wieder auf einen Tee bei uns vorbei“, erzählt sie. Andere seien wieder zurück in den Irak gegangen, weil sie hier keine Chance sahen, Asyl zu bekommen. Auch von denen, die anfangs zum Deutschlernen kamen, haben es nicht alle geschafft, in Wien anzukommen, erzählt Reiter: „Es gab auch welche, die einfach nicht bereit waren, die Sprache zu lernen und sich zu integrieren.“

Mona - eine Erfolgsgeschichte

Mona ist dafür eine Erfolgsgeschichte: Ihre Mutter startet nun eine weiterführende Ausbildung und sucht gerade einen Teilzeitjob, um finanziell auf eigenen Beinen stehen zu können. Asmas Bruder hat eben eine Zusage für einen Platz in einer Oberstufe ab Herbst bekommen und Mona hat in Wien ihre neuen Großeltern gefunden.

Auch für die Familie Reiter hat sich seit dem Jahr 2015 vieles verändert: „Früher waren wir bei Familienfeiern immer zu dritt, eine Vater-Mutter-Kind-Familie“, sagt Reiter. „Wenn wir heute Geburtstag feiern, sind wir drei Mal so viele!“

 

Porträt: Nina Horaczek

Foto: Katharina Gossow